Mein Tierschutzhund aus dem Ausland – eine kleine Orientierungshilfe
Auslandstierschutz
Eine Orientierungshilfe
Seit einigen Jahren werden immer häufiger Hunde aus dem ausländischen Tierschutz in heimische Familien aufgenommen. Ein Trend, dem stets wohlmeinende Motive der Menschen zugrunde liegen, es soll notleidenden, vernachlässigten und/oder misshandelten Tieren geholfen werden. Eine Motivation, die an sich sehr begrüßenswert ist, denn ohne Zweifel herrschen in den meisten Tierheimen oder Tötungsstationen der Herkunftsländer dieser Hunde völlig andere Zustände als in Tierheimen in unseren Breiten.
Trotzdem möchten wir Euch mit dem vorliegenden Artikel ein wenig mehr Information geben zu einigen Punkten, die im Vorfeld der Adoption übersehen werden oder einfach nicht bewusst sind und die dann vielfach nach dem Einzug des sehnlich erwarteten neuen Familienmitgliedes zu Problemen führen können. Nicht wenige Hunde aus dem Auslandstierschutz werden aufgrund von Anpassungsschwierigkeiten zu regelrechten Wanderpokalen, die von einem Besitzer zum anderen wechseln, bis sie dann schlimmstenfalls unvermittelbar im Tierheim landen, ein Weg, den diese Hunde nicht gehen müssten, wenn die Adoption basierend auf realistischen Erwartungen mit entsprechender Vorbereitung erfolgen würde.
Kleine Orientierungshilfe – Tierschutzhund aus dem Ausland:
1. Überlegungen vor der Aufnahme eines Tierschutzhundes aus dem Ausland
2. Ankommen und die ersten Tage…
3. Hausregeln, Management, Aufbau erster kleiner Routinen
4. Grundlegende Anmerkungen zur Fütterung in der ersten Zeit
5. Das Abenteuer kann beginnen…;
1. Überlegungen vor der Aufnahme eines Tierschutzhundes aus dem Ausland
1.1. Die Vermittlungsorganisation: hier wären schon einige Punkte zu beachten, die Euch helfen, zu erkennen, ob es sich um eine seriöse Organisation handelt. Um nur einige zu nennen:
- Wie läuft die Kontaktaufnahme ab? Habt Ihr eine Ansprechperson in Österreich?
- Gibt es Vorkontrollen und wenn ja, wie laufen diese ab? Steht die Organisation auch nach der Aufnahme Eures Hundes bei eventuell auftretenden Anfangsschwierigkeiten beratend zur Verfügung? Was passiert, wenn die Eingewöhnung absolut nicht klappt, gibt es hier Notfalloptionen?
- Betreibt diese Organisation auch Tierschutz vor Ort und kann sie dies in irgendeiner Form dokumentieren oder werden nur Hunde unklarer Herkunft (Stichwort: Massenzucht) als Notfälle deklariert und exportiert?
- Besteht die Möglichkeit, Euren zukünftigen Hund zu besuchen und kennenzulernen? Was ist über die Vorgeschichte des Hundes bekannt?
- Welche Untersuchungen werden/wurden am Hund durchgeführt (Blutbild et.) bevor er ausreisen kann?
- Wie werden die Transporte organisiert?
1.2 Bereitschaft zur Akzeptanz der mitgebrachten (fehlenden) Erfahrungen des Hundes bei Aufnahme nach dem Welpenalter
- Prüfung der eigenen Erwartungshaltung an das zukünftige Familienmitglied; kann der avisierte Traumhund die eigenen Erwartungen ansatzweise erfüllen?
- Abgleich des häuslichen Lebensumfeldes mit bekannten oder ggf. zu erwartenden Eigenschaften des Hundes: lebe ich z.B. mitten in der Innenstadt, könnte die Herausforderung für einen Hund, der sein ganzes bisheriges Leben im reizarmen Hinterhof verbracht hat, zu groß sein. Umgekehrt könnte ein Hund, der aktiv zur Jagd eingesetzt wurde, im ländlichen Umfeld mit hoher Wilddichte schwierig zu halten sein
- Mangelnde Stubenreinheit: es kann eine gewisse Zeit dauern, bis – auch ein erwachsener Hund – lernt, sein Geschäft außerhalb des Hauses zu verrichten
- Bei erwachsenen (Zwinger)Hunden: Bereitschaft, bisher Versäumtes in puncto Sozialisierung, Kooperation mit dem Menschen etc. im Tempo des Hundes nachzuholen
- Eventuelle Hinzuziehung eines kompetenten Trainers in der Umgebung, Einplanung der dafür anfallenden Kosten
2. Ankommen und die ersten Tage…
Unabhängig davon, ob Ihr Euren Tierschutzhund selbst abgeholt hat oder ob er von der Vermittlungsorganisation gebracht wurde, die ersten Tage gilt der Grundsatz:
„In der Ruhe liegt die Kraft!“
„In der Ruhe liegt die Kraft!“
Leitfaden…
Leitfaden für die ersten Tage nach der Ankunft
- Lasst Euren Hund ankommen und gebt ihm die Möglichkeit, sich mit seiner neuen Umwelt in seinem individuellen Tempo auseinanderzusetzen. Je nach Persönlichkeit wird dies mehr oder weniger Zeit in Anspruch nehmen
- Schlafen, schlafen, schlafen! Der Einzug in ein neues Leben bedeutet für Euren Hund vor allem eines: viele neue Eindrücke, die er verarbeiten muss. Und das tut er am besten schlafend und träumend. Also kein Grund zur Sorge, wenn der Neuankömmling zu Beginn mehr als 20 Stunden schlafend, ruhend und in lautstarken Träumen verbringt
- Rückzugsort schaffen: damit Euer Hund überhaupt genügend Ruhe findet, solltet Ihr – am besten schon vor der Ankunft (nach der Ankunft kann nachjustiert werden, wenn der Platz nicht angenommen wird) ein oder zwei Plätze abseits des Familientrubels vorbereiten. Am besten wählt man den Ort dafür so, dass der Hund zwar noch am Geschehen teilhaben kann, aber nicht permanent teilnehmen muss. Durchgangszimmer sind daher eher ungeeignet, ruhigere Ecken im Wohnzimmer meistens besser. Vor allem wenn kleinere Kinder im Haushalt leben, ist ein Rückzugsort, den diese nicht permanent erreichen und den Hund in seiner Ruhe stören, unabdingbar für das künftige gute Zusammenleben.
- Kurze, ruhige Spaziergänge: in den ersten Tagen sind kurze Spaziergänge mit wenig Außenreizen am angenehmsten für Euren Hund, der so viel Neues zu verarbeiten hat, dass überfüllte Hundewiesen oder mit Menschen vollgestopfte Straßen sein Nervenkostüm und somit sein Stressverarbeitungssystem massiv überfordern würden. Am besten kleine Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen, bei Vorhandensein eines Gartens reicht dieser meist schon für die ersten 2, 3 Tage.
- Kennenlernbesuche von Verwandten und Freunden idealerweise aufschieben, es sollten in den ersten Tagen wirklich nur die Personen anwesend sein und sich mit dem Hund beschäftigen, die auch in Zukunft zu seiner Familie bzw. zu seinen Betreuungspersonen gehören (z.B. Hundesitter). So kann Euer Hund Sicherheit gewinnen, zu wem er gehört. Nach ein bis zwei Wochen können dann schön langsam Verwandte und Freunde zum Willkommenheissen eingeladen werden, es sei denn Euer Hund hat mit fremden Menschen größere Probleme, dann natürlich weiterhin entsprechend langsam und einzeln vorgehen.
3. Hausregeln, Management, Aufbau erster kleiner Routinen
Seid Euch dessen bewusst, dass Euer Hund wahrscheinlich noch nie mit einer menschlichen Familie unter einem Dach gewohnt hat. Das bedeutet für Euch u.U. ein gewisses Verständnis dafür aufzubringen, dass Euer neuer Mitbewohner zu Beginn gegenüber Parkettboden, Stufen oder Balkontüren ein Misstrauen und/oder Angst entgegenbringen wird. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass Euer Hund nicht weiß, was in Eurem Haushalt erwünscht ist und was nicht. Gerade in der Anfangszeit ist es daher wichtig, freundlich aber eindeutig die Hausregeln vorzustellen. Bitte jetzt nichts aus Mitleid erlauben, was später verboten wird z.B. auf die Couch hüpfen.
Da Ihr Euren Hund und er Euch noch nicht kennt und somit auch noch keine Signale aufgebaut sind, die der Hund verstehen könnte, sind in den ersten Tagen und Wochen durchaus auch Management – Maßnahmen angebracht. D.h. wenn der Hund den Mistkübel ausleert, ist es sinnlos, mit ihm zu schimpfen, er weiß es einfach nicht besser! Und bis ihr auf ein positiv aufgebautes Unterbrechungssignal zurückgreifen könnt (z.B. „Nein“ = unterlass das, was du gerade tust) ist es daher am besten, den Mistkübel einfach so unterzubringen, dass der Hund ihn nicht erreichen kann.
Eine weitere Managementmaßnahme könnte sein, im Haus ein leichtes Geschirr mit einer Hausleine am Hund zu lassen, damit körperliche Konfrontationen vermieden werden können, die dem Vertrauensaufbau nicht zuträglich wären. Dies gilt insbesondere bei ängstlichen Hunden, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Flucht aus der Haustüre antreten wollen.
Hunde sind Gewohnheitstiere und immer gleiche Abläufe geben ihnen gerade in der ersten Zeit Sicherheit und Halt. Das bedeutet in der Praxis:
- relativ fixe Fütterungszeiten
- gleichbleibende Zeiten für die Gassi-Runden
- Kuschelzeiten, Spiel- oder Ruhephasen
4. Grundlegende Anmerkungen zur Fütterung in der ersten Zeit
Willkommensdiät für deinen Tierschutzhund aus dem Ausland
Der Umzugsstress bringt häufig auch die Verdauung unserer Hunde ein bisschen durcheinander. Hier könnt Ihr Euren Hunden helfen, indem Ihr einige der folgenden Punkte beachtet:
4.1 Langsame Umstellung der Futterqualität
die meisten Hunde sind aus ihren Herkunftsländern keine hochkalorischen Nahrungsmittel mit hohem Eiweißgehalt gewöhnt, sie bekommen natürlicherweise das, was verfügbar und leistbar ist, also meist eher wenig Fleisch! Darum ist die gut gemeinte anfängliche Überversorgung mit hochwertigem tierischen Protein eine Überforderung des Verdauungssystems. Unabhängig von der Ernährungsform, für die Ihr Euch letztendlich entscheidet, gebt dem Organismus Eures Hundes Zeit, sich an die neue Nahrung anzupassen, indem Ihr zu Beginn 2-3 kleine Mahlzeiten bestehend aus ca. 1/3 Eiweiß, 1/3 Reis, Nudeln o.ä. und 1/3 Gemüse anbietet.
4.2 Unterstützung des Verdauungssystems
Ihr kennt das vielleicht selbst von Fernreisen, die unsere Verdauung aus dem Gleichgewicht bringen können. Genauso geht es unseren Hunden, die aus den unterschiedlichsten Ländern zu uns angereist sind. Es gibt inzwischen auch für Hunde verschiedene Präparate wie Effektive Mikroorganismen, Prä- oder Probiotika, die die Verdauung wieder ins Gleichgewicht bringen können. Da der Darm nicht nur bei Menschen eine große Rolle auch bei der psychischen Befindlichkeit hat, könnt Ihr Euren Hund durch die Aufrechterhaltung und Unterstützung seiner Darmfunktionen bei der Eingewöhnung unterstützen. Hilfreiche Artikel dazu findet Ihr bei den Literatur- und Quellenangaben.
5. Das Abenteuer kann beginnen…
Mein Tierschutzhund aus dem Ausland
it diesem kleinen Überblick zum Thema Hunde aus dem Auslandstierschutz möchten wir Euch anregen, Euch vor der spontanen Aufnahme eines Hundes ein wenig mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Die Adoption eines Tierschutzhundes kann eine wunderschöne Erfahrung sein und wir sind absolut davon überzeugt, dass es genügend Hunde gibt, die sich über die sprichwörtliche zweite Chance freuen!
Nichtdestotrotz und auch gerade deshalb liegt es in unserer Verantwortung, uns vorab über unsere Bedürfnisse und Erwartungen klar zu werden, damit der ausgewählte Hund auch eine faire Chance hat, gemeinsam mit uns glücklich zu leben.
Literatur & hilfreiche Plattformen
Die zweite Chance
Katharina Von der Leyen & Inga Böhm-Reithmeier (Klick mich!)
Der Tierschutzhund-Starthilfe ins neue Leben
Pia Gröning (Klick mich!)
Der Tierschutzhund
S.P. Busch (Klick mich!)
Streuner
Stefan Kirchhoff (Klick mich!)
Clean Feeding – Anke Jobi
https://clean-feeding.de/die-herzlich-willkommen-diaet-fuer-den-auslandstierschutzhund/
https://www.clean-feeding.de/tierschutzhunde-versorgen
Dachverband Tierschutz 2.0
https://www.tierschutz20.at/
Hundeschule Willenskraft
adobe stockVom Junghund zum erwachsenen Hund






